Das klingt zunächst ziemlich selbstverständlich. Und doch merkt man erst, wenn man eine Weile schreibt, wie sehr sich Sprache verändert.
Neue Wörter kommen dazu. Alte verschwinden. Manche Formulierungen, die vor zwanzig Jahren völlig normal waren, klingen heute plötzlich seltsam. Andere tauchen auf und man fragt sich zunächst, wer eigentlich beschlossen hat, dass man das jetzt so sagt.
Als Autorin beobachte ich das ziemlich genau.
Nicht nur, weil Sprache mein Werkzeug ist. Sondern auch, weil ich entscheiden muss, welche Sprache zu meinen Geschichten passt.
Und genau da wird es manchmal interessant.
Denn Sprache ist nicht nur Grammatik und Rechtschreibung. Sie hat mit Zeit zu tun. Mit Gesellschaft. Mit Gewohnheiten. Mit dem Ort, an dem man lebt. Und natürlich mit den Menschen, die sie sprechen.
Manchmal begegnet mir eine Formulierung, bei der ich denke: Ja, das hat sich inzwischen verändert. Daran muss ich mich wohl gewöhnen.
Und manchmal denke ich:
Nein. Das kommt mir nicht in meine Texte.
Reden wir nicht drumherum: Es geht ums Gendern. Also um Sternchen, Doppelpunkte, Binnen-I und all die Formen, mit denen sichtbar gemacht werden soll, dass nicht nur Männer gemeint sind.
Meine Haltung dazu hat zwei Hälften, und beide meine ich ernst.
Die erste: Ich halte das Gendern für einen wichtigen Schritt. Wir leben in einem System, das über Jahrhunderte patriarchal gebaut wurde, und der Umbau ist längst nicht fertig. Sprache macht sichtbar, wer selbstverständlich mitgedacht wird und wer erst mitgemeint werden muss. Wer das für eine Kleinigkeit hält, war vermutlich noch nie die Person, die nur mitgemeint war. Dass darüber überhaupt so heftig gestritten wird, halte ich deshalb nicht für ein Unglück, sondern für ein Zeichen, dass die Frage angekommen ist.
Die zweite Hälfte: In meine Bücher übernehme ich es trotzdem nicht.
Nicht aus Trotz und nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil es in meinen Sätzen nicht funktioniert. Geschrieben wird es umständlich, gelesen wird es holprig, und gesprochen erst recht. Was ich schreibe, soll man laut vorlesen können, ohne dass jemand mitten im Satz die Luft anhält.
Das ist eine handwerkliche Entscheidung, kein politisches Statement.
Und ja, ich weiß, dass man das auch anders sehen kann. Dass genau diese Holprigkeit für manche zum Punkt gehört, weil Gewöhnung erst entsteht, wenn etwas eine Weile ungewohnt war. Das ist ein gutes Argument. Es ändert nur nichts an meinen Dialogen.
Das bedeutet nicht, dass ich Veränderungen der Sprache grundsätzlich ablehne. Im Gegenteil. Ich finde es spannend, wie sich Sprache entwickelt. Schließlich hat sich Deutsch schon unzählige Male verändert, lange bevor es das Internet, soziale Medien oder die aktuellen Diskussionen über Sprache gab.
Aber als Schriftstellerin habe ich eine zusätzliche Frage: Passt diese Veränderung zu meiner Geschichte?
Wenn meine Figuren miteinander sprechen, sollen sie nicht klingen wie ein offizielles Rundschreiben. Sie sollen nach Menschen klingen.
Menschen haben Eigenheiten. Sie benutzen bestimmte Wörter. Manche drücken sich sorgfältig aus, andere verschlucken halbe Sätze. Einer sagt ständig „also", eine andere sagt „ehrlich gesagt", obwohl sie selten etwas ehrlich sagt.
Genau diese kleinen Unterschiede machen Figuren für mich lebendig.
Und deshalb tue ich mich mit einer Sprache schwer, die sich manchmal so anfühlt, als müsse jeder Satz erst durch ein Prüfverfahren, bevor er veröffentlicht werden darf.
Ich möchte beim Schreiben nicht ständig überlegen, welche Formulierung gerade die korrekte ist.
Ich möchte überlegen, was meine Figur sagen würde.
Das ist für mich ein großer Unterschied.
Natürlich kann man darüber diskutieren. Und das wird ja auch getan. Ausführlich. Mit großer Leidenschaft. Manchmal sogar mit erstaunlich viel Energie für ein einziges Wort.
Ich habe nichts gegen solche Diskussionen.
Im Gegenteil: Ich finde Sprache viel zu spannend, um nicht darüber zu reden.
Aber ich glaube, dass wir dabei gelegentlich vergessen, dass Sprache nicht nur ein Werkzeug für gesellschaftliche Debatten ist.
Sie darf auch erzählen. Sie darf Atmosphäre schaffen. Sie darf eine Figur charakterisieren. Sie darf Humor haben. Und sie darf sich manchmal einfach gut anhören.
Und auf Föhr erst recht.
Wenn ich einen Roman schreibe, möchte ich deshalb vor allem eines: dass die Sprache zur Geschichte passt.
Zu den Menschen darin. Zum Ort. Und zu der Welt, in der sie leben.
Auf Föhr beispielsweise würde ich mich sehr wundern, wenn plötzlich alle Figuren anfingen, sich wie ein Leitfaden aus einem Behördenordner anzuhören. Meine Tante Gesa, um es kurz zu machen, würde eine gegenderte Frage vermutlich gar nicht erst beantworten. Sie würde nur den Teekessel aufsetzen und das Thema für erledigt halten.
Da würde selbst die Nordsee sich irgendwann zurückziehen.
Ich glaube, Sprache darf sich verändern.
Aber sie muss nicht jede Veränderung automatisch mitmachen, und nicht jeder Text muss jede Entwicklung gleichzeitig mitschreiben. Man kann eine Sache für richtig und wichtig halten und trotzdem entscheiden, dass sie im eigenen Dialog nicht funktioniert.
Genauso darf eine Autorin entscheiden, welche Entwicklung sie für ihre Bücher übernimmt und welche nicht.
Denn am Ende soll man beim Lesen nicht darüber nachdenken, welche sprachliche Regel gerade erfüllt wurde.
Man soll in der Geschichte verschwinden.
Und wenn ich das geschafft habe, ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal, ob jemand meinen Nebensatz anschließend noch einmal umstellen möchte.
Dann mache ich mir lieber einen Tee.
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