Nebelverhangene Nordseeküste im Abendlicht – Symbolbild für den Blogartikel Wenn man's genau nimmt

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Wenn man's genau nimmt ...

Es gibt Sätze, die man als Autorin schreibt und später gern noch einmal ändern würde.

Und dann gibt es Sätze, bei denen man ganz genau weiß, warum sie dort stehen.

Manchmal geht es dabei um Stil. Manchmal um eine Figur. Und manchmal um eine sprachliche Kleinigkeit, die plötzlich eine erstaunliche Karriere hinlegt.

Irgendwann habe ich auch gelernt, dass Leserinnen und Leser sehr aufmerksam sind. Das ist grundsätzlich eine schöne Sache. Schließlich schreibt man Bücher, damit sie gelesen werden.

Manche lesen allerdings besonders aufmerksam.

So aufmerksam, dass ihnen eine bestimmte Formulierung auffällt, die im gesamten Roman vermutlich nur deshalb nicht untergegangen ist, weil sie ihnen geradezu vor die Füße gefallen sein muss.

Ich hatte einmal so einen Leser.

Ein freundlicher Hinweis wäre völlig in Ordnung gewesen. Über sprachliche Feinheiten kann man sich schließlich wunderbar unterhalten. Ich mag solche Gespräche sogar. Grammatik, Bedeutung, die kleinen Unterschiede zwischen Wörtern – manchmal steckt darin mehr, als man auf den ersten Blick denkt.

Nur kann aus einem Hinweis irgendwann eine Grundsatzdiskussion werden.

In meinem Fall ging es um einen ganz unscheinbaren Nebensatz.

Ich hatte geschrieben: „… als hätte es niemand seit Jahren angefasst."

Mein Leser war der Meinung, richtig müsse es heißen: „… als hätte es seit Jahren niemand angefasst."

Nun kann man über die Stellung von Satzgliedern im Nebensatz tatsächlich wunderbar diskutieren. Und natürlich gibt es Formulierungen, die eindeutig holpern oder bei denen die Grammatik schlicht nicht stimmt.

Aber hier? Ich fand meine Version völlig in Ordnung. Mein Leser nicht.

Er erklärte mir ausführlich, warum das Adverb an eine andere Stelle gehöre. Ich erklärte ihm, dass Sprache nicht immer nach einem starren Bauplan funktioniert. Wir diskutierten über Satzmelodie, Betonung und darüber, was man mit einer bestimmten Wortstellung eigentlich hervorheben möchte.

Es war, um es vorsichtig auszudrücken, eine sehr gründliche Diskussion über sieben Wörter.

Irgendwann musste ich mich fragen, ob ich tatsächlich jedes Mal, wenn ich einen Roman schreibe, jemanden neben mir sitzen haben möchte, der mit dem Rotstift darauf wartet, die Pronomen, Adverbien und Nebensätze in die vermeintlich einzig richtige Reihenfolge zu bringen.

Nein!

Ich finde, ein bisschen Freiheit muss beim Schreiben bleiben. Ich gehe sogar so weit und behaupte, dass es sich dabei um künstlerische Freiheit handelt.

Natürlich dürfen Leserinnen und Leser Fehler entdecken. Natürlich darf man mich auf etwas hinweisen. Und wenn ich tatsächlich einen groben Schnitzer übersehen habe, bin ich sogar dankbar dafür.

Aber ein Roman ist kein Deutschtest.

Er darf atmen.

Er darf manchmal eine kleine Ecke haben. Ein Wort, das nicht jedem gefällt. Einen Satz, den man auch anders hätte formulieren können. Und ja – manchmal darf sogar ein Nebensatz so gebaut sein, dass ein Leser darüber den Kopf schüttelt.

Denn irgendwann muss man als Autorin auch sagen können:

Ja. Genau so wollte ich es haben.

Mein Leser sah das anders. Wir diskutierten weiter, wurden zunehmend besserwisserischer und irgendwann auch ein wenig bissig.

Das Ende dieser Geschichte?

Ich habe einen Leser verloren.

Und ganz ehrlich: Ich habe erleichtert aufgeatmet.

Nicht, weil ich keine Kritik vertrage.

Im Gegenteil.

Ich tausche mich gern mit meinen Leserinnen und Lesern aus. Ich freue mich über Gedanken zu meinen Geschichten, über Fragen, über unterschiedliche Sichtweisen und sogar über Hinweise auf Fehler.

Aber zwischen einem Hinweis und dem Anspruch, die alleinige Hoheit über meine Sätze zu besitzen, liegt ein ziemlich großer Unterschied.

Und wenn ich beim Schreiben irgendwann bei jedem Nebensatz überlegen muss, ob er einem imaginären Deutschlehrer gefallen würde, dann geht etwas verloren.

Die Freude am Schreiben.

Also bleibe ich dabei:

Manchmal darf ein Satz einfach so stehen, wie ich ihn geschrieben habe.

Und wenn jemand darüber diskutieren möchte, mache ich mir erst einmal einen Tee.

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